„Vielleicht hätte ich meine Ausbildung nicht abgebrochen, wenn ich gewusst hätte, dass die Hilfe bald kommt.“

Lenis Geschichte über sechs Monate Wartezeit

Was geschieht mit einem Menschen, nachdem er endlich den Mut gefunden hat, sich Hilfe zu suchen – aber die notwendige Unterstützung nicht sofort beginnen kann?

Leni hat ungefähr sechs Monate auf einen ambulanten Therapieplatz gewartet. Sechs Monate, in denen sie versuchte, ihren Alltag weiterzuführen und aus eigener Kraft etwas in ihrem Leben zu erreichen. Doch gerade in einer entscheidenden Phase fehlte ihr die professionelle Unterstützung, die sie dringend gebraucht hätte.

Hier erzählt Leni ihre Geschichte:

„Ich bin seit etwa vier bis fünf Jahren in Behandlung. Meine Kindheit war von traumatischen Erfahrungen geprägt und bereits als Jugendliche wurde ich psychisch krank. Trotzdem habe ich es erst mit 20 Jahren geschafft, mir Hilfe zu suchen – zu einem Zeitpunkt, an dem es beinahe zu spät gewesen wäre.

Den ersten Schritt habe ich selbst gemacht, aber mein damaliger Partner hat mich dabei unterstützt. Weil es mir damals akut schlecht ging, kam ich in die psychiatrische Ambulanz der für mich zuständigen Klinik. Die notwendige Diagnostik wurde dort tatsächlich direkt durchgeführt.

Anschließend setzte man mich auf die Warteliste für eine ambulante Therapie. Auf einen Therapieplatz musste ich ungefähr sechs Monate warten.

In dieser Zeit versuchte ich irgendwie, mein Leben weiterzuführen und meine Symptome selbst in den Griff zu bekommen. Das funktionierte nur teilweise. Da ich bereits sehr lange mit meinen Problemen gelebt hatte, hielt ich auch diese Zeit irgendwie aus. Besonders meine engsten Freunde halfen mir dabei.

Nach zwei oder drei Monaten begann ich eine Ausbildung. Nicht, um mich abzulenken, sondern weil ich endlich etwas in meinem Leben erreichen wollte. Die Ausbildung verlangte mir jedoch sehr viel ab. Gerade in dieser Zeit hätte ich dringend Unterstützung gebraucht.

Etwa einen Monat, bevor ich schließlich meinen Therapieplatz bekam, brach ich zusammen. Mein Hausarzt schrieb mich immer wieder krank und am Ende gab ich die Ausbildung auf.

Vielleicht hätte ich meine Ausbildung nicht abgebrochen, wenn ich gewusst hätte, dass die Hilfe bald kommt. Hätte ich damals gewusst, dass die ersehnte Hilfe nur kurze Zeit später beginnen würde, hätte ich vielleicht anders entschieden.

Bei mir wurden rezidivierende Depressionen, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Zusätzlich lebe ich mit einer neurologischen Erkrankung.

Heute erhalte ich weiterhin Unterstützung. Neben gelegentlichen Terminen bei meiner ambulanten Therapeutin nehme ich an einer Rehabilitationsmaßnahme für psychisch erkrankte Menschen teil. Dort werde ich intensiv begleitet.

Ich habe schließlich Hilfe erhalten. Doch die sechs Monate dazwischen musste ich größtenteils selbst überstehen. Ohne meine engsten Freunde wäre diese Zeit für mich wahrscheinlich noch sehr viel schwerer gewesen.“

— Leni

Sechs Monate sind nicht einfach nur Wartezeit

Lenis Geschichte zeigt, dass die Zeit zwischen der Suche nach Hilfe und dem Beginn einer Therapie nicht folgenlos bleibt.

Während Menschen auf einen Therapieplatz warten, geht ihr Leben weiter. Sie müssen ihren Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, eine Ausbildung absolvieren, Beziehungen aufrechterhalten und gleichzeitig mit Ängsten, Depressionen, traumatischen Erfahrungen oder anderen psychischen Belastungen leben.

Eine Warteliste bietet jedoch noch keinen Halt. Sie begleitet nicht durch einen Zusammenbruch, beantwortet keine dringenden Fragen und fängt niemanden auf, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreicht.

Leni wollte etwas erreichen. Sie begann eine Ausbildung und versuchte, nach vorne zu schauen. Doch die notwendige Unterstützung kam für diesen wichtigen Schritt zu spät. Nur etwa einen Monat vor Beginn ihrer Therapie musste sie ihre Ausbildung aufgeben.

Genau diese Zeit dazwischen darf nicht länger übersehen werden.