„Wir können Ihnen einen Termin in vier Monaten anbieten.“

Eine Geschichte über das Warten, die Hilflosigkeit und den Wunsch, endlich wieder leben zu können.

„Wir können Ihnen einen Termin in vier Monaten anbieten.“

Eine Geschichte über das Warten, die Hilflosigkeit und den Wunsch, endlich wieder leben zu können.

Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat.

Vielleicht an dem Morgen, als ich zum ersten Mal nicht aufstehen wollte. Nicht, weil ich müde war. Sondern weil ich einfach keine Kraft mehr hatte, mich einem weiteren Tag zu stellen.

Früher bin ich gerne aufgestanden. Ich hatte Pläne, habe gelacht, mich mit Freunden getroffen. Heute kostet mich schon der Gedanke an den nächsten Tag unglaublich viel Kraft.

Ich funktioniere irgendwie. Gehe einkaufen, beantworte Nachrichten, wenn es sein muss, und versuche, nach außen so normal wie möglich zu wirken.

Niemand soll merken, wie es wirklich in mir aussieht.

Irgendwann habe ich mir eingestanden, dass ich Hilfe brauche.

Das war nicht einfach. Ich habe lange mit mir gekämpft. Immer wieder dachte ich, dass es schon wieder besser werden würde. Dass andere Menschen viel größere Probleme haben. Dass ich mich einfach zusammenreißen muss.

Aber es wurde nicht besser.

Eines Morgens saß ich auf meiner Bettkante und weinte. Ohne einen bestimmten Grund. Die Tränen kamen einfach, und ich konnte nicht mehr aufhören.

An diesem Morgen habe ich beschlossen, mir professionelle Hilfe zu suchen.

Ich war sogar ein bisschen stolz auf mich.

Endlich hatte ich den Mut gefunden, etwas zu verändern.

Ich suchte im Internet nach psychotherapeutischen Praxen. Schrieb mir Telefonnummern auf und begann zu telefonieren.

Die erste Praxis nahm keine neuen Patienten auf.

Bei der zweiten lief ein Anrufbeantworter.

Die dritte bat darum, eine E-Mail zu schreiben.

Bei der vierten hieß es, ich solle es in einigen Monaten noch einmal versuchen.

Ich telefonierte weiter.

Jedes Mal musste ich mich überwinden. Jedes Mal hoffte ich, dass endlich jemand sagen würde: „Kommen Sie vorbei. Wir schauen gemeinsam, was wir tun können.“

Dann erreichte ich tatsächlich eine Praxis.

Eine freundliche Stimme meldete sich.

Ich erklärte, dass es mir psychisch nicht gut geht. Dass ich kaum noch schlafe, mich zurückziehe und Angst habe, irgendwann überhaupt nicht mehr zurechtzukommen.

Die Frau hörte zu.

Dann sagte sie einen Satz, den ich seitdem nicht mehr vergessen kann.

„Wir können Ihnen einen Termin in vier Monaten anbieten.“

Vier Monate.

Ich schaute auf den Kalender.

Vier Monate bedeuteten ungefähr 120 Tage.

120 Tage aufstehen, obwohl ich nicht mehr kann.

120 Tage versuchen, die Gedanken auszuhalten.

120 Nächte, in denen ich vielleicht wieder wach liege und mich frage, warum mein Leben so schwer geworden ist.

Ich fragte vorsichtig, ob es nicht früher möglich wäre.

„Leider nein. Wir sind vollkommen ausgelastet.“

Ich bedankte mich.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich mich bedankt habe.

Nachdem ich aufgelegt hatte, blieb ich einfach sitzen.

Das Telefon lag vor mir auf dem Tisch. Daneben der Zettel mit den ganzen Telefonnummern.

Und plötzlich war da dieses Gefühl.

Ohnmacht.

Ich hatte doch genau das getan, was einem immer gesagt wird.

Such dir Hilfe.

Rede darüber.

Warte nicht, bis es schlimmer wird.

Und jetzt?

Jetzt hatte ich um Hilfe gebeten und musste warten.

Ich wollte nicht ins Krankenhaus. Ich war nicht auf der Suche nach einer geschlossenen Station oder einem Notfallbett.

Ich wollte mit jemandem sprechen, der mir hilft zu verstehen, was mit mir passiert.

Ich wollte lernen, mit meinen Gedanken umzugehen. Wieder Freude empfinden. Wieder einen Tag erleben, an dem ich nicht schon morgens hoffe, dass er möglichst schnell vorbei ist.

War das wirklich zu viel verlangt?

In den nächsten Wochen wurde mein Leben immer kleiner.

Freunde fragten, ob ich mitkommen möchte. Ich sagte ab.

Meine Familie fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte ja.

Auf der Arbeit versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen.

Manchmal saß ich abends auf dem Sofa und starrte auf den Fernseher, ohne überhaupt zu wissen, was gerade lief.

Ich hatte das Gefühl, dass die Welt um mich herum weiterlief, während ich selbst stehen geblieben war.

Und immer wieder schaute ich auf den Kalender.

Noch 93 Tage.

Noch 81 Tage.

Noch 67 Tage.

Ich begann, die Tage zu zählen, als wäre dieser Termin die einzige Hoffnung, die mir geblieben war.

Dabei wusste ich nicht einmal, ob mir dieser erste Termin tatsächlich helfen würde.

Vielleicht würde ich danach wieder warten müssen.

Vielleicht würde die Therapeutin mir sagen, dass sie keinen freien Therapieplatz hat.

Vielleicht würde alles wieder von vorne beginnen.

Dieser Gedanke machte mir Angst.

An einem besonders schweren Abend nahm ich erneut mein Telefon in die Hand.

Ich wollte jemanden anrufen.

Aber wen?

Ich wollte meine Familie nicht belasten. Meine Freunde hatten ihre eigenen Sorgen. Und bei einer Praxis anzurufen, erschien mir inzwischen sinnlos.

Also legte ich das Telefon wieder weg.

Ich saß allein in meiner Wohnung und wünschte mir nichts sehnlicher als einen Menschen, der einfach da ist.

Nicht jemanden, der sofort eine Lösung hat.

Nicht jemanden, der mir sagt, dass ich positiv denken soll.

Sondern jemanden, der mich ernst nimmt.

Der mich fragt, wie es mir wirklich geht, und meine Antwort auch aushält.

Der vielleicht sagt: „Du musst diese Zeit nicht ganz allein durchstehen.“

Denn genau das ist es, was viele nicht verstehen.

Wenn du endlich den Mut gefunden hast, Hilfe zu suchen, dann brauchst du sie nicht erst in vier Monaten. Du brauchst sie jetzt.

Vielleicht nicht sofort eine Therapie.

Aber einen Menschen, der zuhört. Einen Ort, an dem du nicht funktionieren musst. Jemanden, der mit dir überlegt, wie du die nächsten Tage und Wochen überstehen kannst.

Heute sind es noch 42 Tage bis zu meinem Termin.

Ich habe keine Ahnung, wie es mir dann gehen wird.

Ich hoffe, dass ich es schaffe, hinzugehen.

Ich hoffe, dass ich bis dahin nicht noch mehr von dem Menschen verliere, der ich einmal war.

Und manchmal frage ich mich, wie viele Menschen gerade genauso dasitzen wie ich.

Mit einem Telefon in der Hand.

Mit einem Termin irgendwo in der Zukunft.

Und mit der verzweifelten Frage:

„Wer hilft mir eigentlich in der Zeit dazwischen?“

Warum es PonsVita geben soll

Diese Geschichte ist fiktiv. Aber die Situation dahinter ist für viele Menschen Realität.

PonsVita möchte genau dort ansetzen, wo Menschen nach der Entscheidung, Hilfe zu suchen, plötzlich allein mit der Wartezeit dastehen.

Wir wollen keine Psychotherapie ersetzen. Wir wollen eine Brücke bauen. Einen Ort schaffen, an dem Menschen begleitet werden, wieder Struktur finden und nicht das Gefühl haben müssen, vergessen worden zu sein.

Denn hinter jedem Termin, der erst in einigen Monaten stattfindet, steht ein Mensch, dessen Leben heute weitergeht.

Hilfe, wenn sie gebraucht wird – nicht erst Monate später.

PonsVita e.V. – Brücke des Lebens